Das GVA-Modell der PhysioSystemischen Therapie
Neurobiologische Regulation in der PhysioSystemischen Therapie – oder: Der Weg zur erfolgreichen Absichtshandlung oder zum erholsamen Absichtsmodus
In klassischen Therapiekonzepten stehen wir bei chronischen Beschwerden an Kopf, Nacken, Kiefer (CMD), Tinnitus oder Schmerzzuständen bei Neurodivergenz (ADHS, ASS, AuDHS) oft vor der Herausforderung, dass rein strukturelle Behandlungen nur kurzfristig wirken.
In der PhysioSystemischen Therapie gehen wir einen anderen, hirngerechten Weg. Mit dem GVA-Modell (Grün – Vorbereitung – Absicht) bereiten wir ihr Nervensystem und ihren Körper auf ihre persönlichen Ziele vor – sei es schmerzfreie Bewegung, konzentriertes Arbeiten oder erholsamer Schlaf.
Weil jedes Nervensystem eine völlig individuelle Biochemie besitzt, sind die folgenden Interventionen daher nur beispielhafte Möglichkeiten aus meinem therapeutischen Methodenkoffer, um aufzuzeigen, wie breit gefächert wir ansetzen können:
Die drei Phasen des GVA-Modells im Detail
Phase G – Grün: Neurozeptive Sicherheit
Wir beruhigen das überreizte Alarmsystem im Gehirn (ACC-Capping) für eine sichere, entspannte Ausgangslage und bringen ihr Nervensystem damit wieder zurück in den sicheren, „grünen“ Modus des Parasympathikus. Ohne diesen Modus schlägt der «Wachhund» (ACC) weiterhin Alarm und schiesst reflektorische Schutzspannungen in den Muskelpanzer.
Beispiele dafür, wie wir das tun können:
- Bei ADHS, Dauerstress und chronischem Muskelpanzer: Wir nutzen freudige, dopaminaktivierende Bewegungsimpulse oder ein kurzes, aktives Auspowern, um den gestauten sympathischen Tonus abzubauen.
- Bei Kieferpressern, Nackenblockaden oder zervikogenem Tinnitus: Wir beginnen mit einem sanften, 30-sekündigen Vagus-Reset über die Augen, um die subokzipitalen Nackenmuskeln (C1-C3) reflexartig zu entspannen – eine ideale Ausgangslage fürs Gewebe und eine neue Strategie für sie vor dem Schlafen.
- Bei stark überreiztem ASS: Wir schaffen einen maximal reizreduzierten Safe Space, passen das Licht an, verzichten auf zwingenden Blickkontakt oder nutzen eine ihrer bereits bekannten Strategien, um die exekutive Last des Gehirns sofort zu senken.
Phase V – Vorbereitung: Muskelsteuerung & Filter einstimmen (Sensorisches & Kognitives Priming)
In dieser Phase bereiten wir ihr Gehirn und ihren Körper gezielt auf die gewünschte Handlung oder den angestrebten Ruhezustand vor. Wir stellen die körpereigene Wahrnehmung (Interozeption und Propriozeption) scharf, schliessen das überflutete Reiztor im Thalamus (Thalamusschutz) oder füttern die Basalganglien mit sicherem Dopamin, damit ihr Körper wieder spürbar und stabil wird.
Beispiele dafür, wie wir das tun können:
- Bei Sitzproblemen am PC und ADHS-Dauerzappeln: Wir etablieren propriozeptives Rauschen über ein dynamisches Sitzkissen, instabile Unterlagen im Gehen oder unregelmässige Mikropausen-Signale via App, um den unbewussten Haltungswechsel anzuregen.
- Bei Einschlafstörungen durch Tinnitus oder Gedankenkarussell: Wir bereiten das System im Bett über ein propriozeptives Drei-Kanal-Grounding, Pink Noise (akustischer Thalamusschutz) und kognitives Mischen (Cognitive Shuffling) auf das Einschlafen vor.
- Bei ASS mit motorischer Dyspraxie: Wir nutzen propriozeptives Priming (PIR) auf der Behandlungsliege oder Druck im Sitzen (Gewichtsdecke, axialer Druck) um ihre Körperlandkarte im Gehirn gestochen scharf aufzubauen.
- Bei AuDHS und Abneigung gegen starren Druck von aussen: Statt passiver Gewichtsdecken setzen wir auf aktiven, dynamischen Tiefendruck (Heavy Work gegen Widerstand) mit anschliessendem, bewusstem Nachspüren des nachschwingenden Muskeltonus.
Phase A – Absichtshandlung oder Absichtsmodus
Sie kommen in den gewünschten Zustand oder führen Bewegungen koordiniert und entlastet aus. Ihr System findet zurück in ein gesundes dynamisches Gleichgewicht und einen erholsamen, regenerativen Schlaf. Ihre Absicht kommt im Körper an, weil die unbewusste Steuerung wieder mitspielt.
Beispiele dafür, wie wir das tun können:
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- Bei CMD, Tinnitus, Nackenverspannungen: Nun erfolgen manuelle Techniken an Kiefer, HWS und Schädel, um den fehlerhaften Datenstrom zum Hörzentrum bei Tinnitus oder CMD schmerzfrei zu unterbrechen. Für den Alltag verankern wir exekutiv mühelose Handlungsbrücken: zum Beispiel unsichtbare isometrische Tisch-Drücker im Meeting.
- Bei ASS und Dyspraxie (Die Bewegungshandlung): Wir zerlegen komplexe Alltagsbewegungen in einfache, lineare Vektoren; sie steuern die Bewegung bewusst top-down, indem sie die Schritte laut mitsprechen und wir minimale Amplituden-Variationen präzise vorhersagbar ankündigen.
- Bei ADHS und chronischer Überlastung (Der Alltags-Shift): Wir verankern regenerierende Mikrobewegungen über visuelle oder digitale Auslöser mitten in ihrem gewohnten Arbeitsalltag, um den Muskelpanzer zu sprengen, bevor er sich festigt.
- Bei Erschöpfung, Tinnitus und Schlafstörungen (Der Absichtsmodus): Wir nützen das bewusste Umschalten in das Ruhezustandsnetzwerk (DMN), um über schwebende, ungerichtete Tagträume oder tiefe Entspannungsübungen (wie Vagus-Atmung, NSDR) einen erholsamen, regenerativen Schlaf einzuleiten.
Der wissenschaftliche Ursprung & die PhysioSystemische Synthese
Das GVA-Modell ist eine eigens erarbeitete Synthese aus fünf etablierten wissenschaftlichen Säulen, verknüpft mit der modernen funktionellen Neurobiologie:
Wissenschaftlicher Ursprung
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- Faszienforschung (Dr. Carla Stecco & Dr. Robert Schleip): Liefert eine der Grundlagen fürs GVA-Modell bei manueller Therapie. Diese zeigt, dass der Wechsel von der verklebten Densifizierung (zähflüssiges Hyaluronsäure-Gel) in die flüssige Gleitfähigkeit (Sol-Zustand) das parasympathische Nervensystem (PNS) als biologischen Gatekeeper benötigt.
- Polyvagal-Theorie (Dr. Stephen Porges): Bildet das Fundament für Phase G. Der Begriff der Neurozeption beschreibt das unbewusste Scannen des Nervensystems nach Sicherheit. Das Herunterregulieren des Alarmsystems (ACC-Capping) ist die Bedingung dafür, dass myofasziale Grundspannungen überhaupt nachgeben können.
- Sensorische Integrationstherapie (Jean Ayres): Liefert eine der Grundlagen für Phase V bei Neurodivergenzen. Ayres erkannte, dass gezielter propriozeptiver Tiefendruck (Heavy Work) das neuronale Rauschen im Thalamus dämpft und die Körperwahrnehmung scharfstellt.
- Embodiment-Forschung: Liefert wichtige Richtlinien für die Druck- und Bewegungsrichtungen (Appetenz-Schleife) bei isometrischen Übungen bzw. Heavy-Work für zusätzliche positive Reize.
- CO-OP-Ansatz (Cognitive Orientation to daily Occupational Performance): Liefert eine der Grundlagen für Phase A bei ASS. Dieser kognitive Ansatz zeigt, wie Handlungsabläufe bei exekutiven Herausforderungen oder Entwicklungsdyspraxien durch bewusste, kognitiv-visuelle Sequenzierung und Sprachbrücken (verbales Selbstmanagement) im Alltag verankert werden.
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Die PhysioSystemische Synthese
Das Neue am GVA-Modell der PhysioSystemischen Therapie ist die systematische Übertragung dieser Konzepte auf die funktionelle Gehirn-Schaukel – das Zusammenspiel von Default Mode Network (DMN) und Task Positive Network (TPN mit ACC und CEN) und den Basalganglien. Wir verbinden manuelle Muskel-, Faszien- und Gelenkbehandlung direkt in der Behandlung oder beim Transfer in den Alltag mit dem vegetativen und exekutiven Selbstmanagement.
Wenn wir aufhören, nur das schmerzende Gewebe zu behandeln, sondern das neuronale Betriebssystem dahinter verstehen und begleiten, wird der Körper wieder zu einem sicheren und bewohnbaren Ort.
Zwei Inputs aus meiner Verknüpfungsarbeit mit der funktionellen Neurobiologie
1. Wieso sie im akuten Stress – bei rotem Alarm nicht einfach auf «Relax» schalten können:
Bei akutem Amygdala-/ACC-Alarm (Prefrontal Hijack) ist das CEN blockiert. Ein kognitiver Appell wie «Entspann dich» erzeugt Abwehrstress. Das GVA-Modell nutzt stattdessen somatische Bottom-up-Notbremsen (Vagus-Reset, bilaterales Summen/Butterfly Hug, isometrische Muskel-Presse), um das Alarmsystem ohne exekutive Last herunterzuregeln.
2. Wieso sie bei Schmerz oder Reizüberflutung klassische Achtsamkeits-Übungen noch mehr in den Alarmbereich bringen können insb. bei Neurodivergenzen:
Im grünen Modus (Parasympathikus) verankert die Achtsamkeitspraxis sie entspannt im Hier und Jetzt. Im Schmerz- oder Overload-Zustand brennt das Salienznetzwerk (ACC) jedoch als hyperaktiver Gefahrenmelder/Wachhund. Wer in diesem Zustand die Aufmerksamkeit noch bewusster in den Körper lenkt, füttert den ACC mit noch mehr Reizen (Hyperinterozeption). Erst durch das ACC-Capping (Thalamusschutz, körperliche Bottom-up-Notbremsen) in Phase G wird der Wachhund ruhig bzw. das ACC wieder von der Alarmschleife befreit und als Gegenwarts-Filter nutzbar.
Über die Praxis & Kontakt
Mach dich auf den Weg zu einem dynamischen Gleichgewicht in deinem Körper.
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- Praxis Bern: Eigerstrasse 42, 3007 Bern (Monbijou-Sulgenau-Quartier)
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