Das vergessene Betriebssystem – oder: Wenn der Körper die Notbremse zieht
Warum klassische Physiotherapie bei ADHS- und ASS-bedingten Beschwerden, Tinnitus und Kieferpressen (CMD) oder chronischen Schmerzen an Grenzen stösst – und warum wir das neurologische Betriebssystem hinter der Struktur verstehen müssen.
Von Stefanie Staub, PhysioSystemische Therapie (Bern & Wil), 08.09.2026
Während ich durch das schwedische Fjell in den schönsten Herbstfarben laufe, von Stein zu Stein hüpfe, um dem Sumpf auszuweichen, beginnt dieser Fachartikel rund um Lukas in mir zu reifen.
Lukas – körperlich am Anschlag trotz «Ausgleich» auf dem Rennvelo?
Lukas läuft auf keinem Wurzelweg. Er liebt die Schnelligkeit auf dem Rennvelo. Sein unebenes Gelände ist ein neues, hochgetaktetes IT-Projekt. Der 34-jährige IT-Projektleiter ist sportlich und wirkt sehr fokussiert. Doch sein Körper sendet seit Monaten unüberhörbare Notsignale: ein hochfrequenter, stressabhängiger somatosensorischer Tinnitus im rechten Ohr, der besonders abends in der Stille unerträglich laut wird, extremes nächtliches Kieferpressen (CMD) und ein starker Leistenschmerz (M. psoas major) abends nach dem Rennvelofahren, das für ihn einen so wichtigen Ausgleich darstellt. Seine ADHS-Diagnose erwähnt er nur im Nebensatz. Medikamente nimmt er keine, «dies habe er im Griff».
Lukas hat eine Odyssee hinter sich: Schienen vom Zahnarzt, klassische Physiotherapie für den Nacken, Krafttraining für den Rücken. Die manuelle Behandlung half immer nur für kurze Zeit. Die Diagnose der Ärzte: „Strukturell ist alles in Ordnung, es muss wohl psychosomatisch sein.“
Doch Lukas bildet sich das alles nicht ein – und es handelt sich hier auch nicht um eine reine zentrale Schmerzchronifizierung. Sein Körper versucht schlicht, ein chronisch überlastetes Nervensystem zu schützen. Lukas hat ein neurodivergentes Gehirn (ADHS). Was von den medizinischen Fachpersonen bisher jedoch ignoriert wurde, war das neurobiologische Betriebssystem hinter der Struktur.
Der Blick hinter die Kulisse von Lukas’ Betriebssystem 🧠
Um in einer Welt, die für neurotypische Menschen gebaut ist, als strukturierter Performer zu funktionieren, leistete Lukas jeden Tag unbewusst Schwerstarbeit. In der Neurobiologie nennen wir das Masking – die ständige, hochkonzentrierte soziale Anpassung.
Lukas unterdrückt seine natürlichen Impulse wie den Bewegungsdrang in Meetings oder das Bedürfnis nach Rückzug aufgrund seiner Reizoffenheit im Grossraumbüro. Dies erfordert Höchstleistungen des Zentralen Exekutivnetzwerks (CEN) im Stirnhirn und verbraucht gigantische Mengen an präfrontalem Glykogen (Glukose).
Da das ADHS-Gehirn ohnehin unter einem chronisch niedrigen Dopamin-Basistonus in den Basalganglien leidet, führt diese exekutive Daueranstrengung im Büro zu zwei gravierenden somatischen Kompensationen:
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- Der Psoas als stummer Haltungs-Ersatz: Normalerweise stabilisiert sich das Becken unbewusst im Hintergrund. Da dieser automatische Autopilot (die Striatum-Schleife der Basalganglien) bei ADHS aufgrund des Dopaminmangels im flachen, monotonen Büroalltag oft einschläft, gerät das System unter Zugzwang. Es missbraucht den eigentlich für Bewegung gebauten phasischen Anteil des Hüftbeugers (M. psoas major) als starre Stütze. Das Gewebe übersäuert, verklebt und schmerzt.
- Der Kiefer als nächtliches Stressventil: Warum wachte Lukas morgens mit einem schmerzhaften Kiefer, müde und mit «Äckegstabi» (Nackenstarre) auf? Im Traumschlaf (REM-Schlaf) sind fast alle unsere Muskeln gelähmt, damit wir uns nicht verletzen. Doch die Evolution hat wichtige Ausnahmen eingebaut z.B. die Kiefermuskeln, die oberen Nackenmuskeln oder der Beckenboden. Wenn Lukas nachts den unbewussten Alltags- und Anpassungsstress im Traum verarbeitet, laufen diese Muskeln als direkte emotionale Notventile der Amygdala auf Hochtouren. Das Resultat: intensives nächtliches Kieferpressen und Schultern hochziehen – und der Psoas ist unter Zug durch seine aktiven Muskel-Nachbarn der tiefen Frontallinie.
Der Tinnitus-Crosstalk im Hirnstamm
Da Lukas im Nacken und Kiefer eine chronische mechanische Dauerspannung hat, kommt es im dorsalen Cochlearkern zu einem neuronalen „Übersprechen“ (Crosstalk). Die Datenbahnen seines Kiefers und der oberen Halswirbelsäule kreuzen im Hirnstamm (im dorsalen Cochlearkern) direkt sein Hörzentrum. Das Gehirn interpretiert die mechanische Muskelspannung nun fälschlicherweise als akustisches Signal. So entstand Lukas somatosensorische Tinnitus.
Hinzu kommt, dass unser Gehör evolutionsbedingt nicht für die absolute, unnatürliche Stille moderner, schallisolierter Wohnräume gebaut ist. Dieser sensorische Entzug (auditorische Deprivation) zwingt das Hörzentrum abends im Bett dazu, seinen inneren Verstärker maximal hochzudrehen, um überhaupt Signale aufzufangen (Gain-Control-Prinzip). Das normale, im Hintergrund vorhandene biologische Grundrauschen des Nervensystems wird dadurch plötzlich als lauter Pfeifton hörbar.
Da dieser Ton nun – bedingt durch Lukas’ ständiges Masking im Alltag – auf ein hyperaktives Alarmsystem (das ACC) trifft, stuft sein Gehirn das Signal fälschlicherweise als hochgradig bedrohlich ein. Ein Teufelskreis aus Angst, Muskelanspannung und Lautstärkeerhöhung beginnt.
Der physiosystemische Weg: Zurück zur Sicherheit 💚
Bei Lukas halfen weder Dehnübungen, manuelle Therapie, Entspannungsmassage noch geradliniges Krafttraining – sie stressten sein alarmiertes System nur noch mehr. In meiner Praxis in Bern und Wil regulieren wir den Körper entlang seiner biologischen Bedürfnisse mit dem dreiphasigen GVA-Modell der PhyiosSystemischen Therapie:
Phase G – Grün (Neurozeptive Sicherheit)
Wir beruhigen Lukas’ überreiztes Alarmsystem im Gehirn (ACC-Capping), um eine entspannte Ausgangslage im sicheren Modus des Parasympathikus zu schaffen. Da stilles Liegen bei ADHS oft Abwehrstress auslöst, hole ich ihn über die Bewegung ab: Er startet aktiv auf dem Balanceboard. Das kontrollierte Ausbalancieren schenkt seinem Gehirn genau das Dopamin, das es braucht, um die Barriere im Bewegungssystem zu öffnen und den sympathischen Schutztonus abzubauen. Nach einem anschliessenden Vagus-Reset über die Augen schaltet sein Alarmsystem sichtlich auf Grün.
Phase V – Vorbereitung (Muskelsteuerung und Filter einstellen / kognitives und sensorischen Priming)
In dieser Phase bereiten wir Lukas’ Gehirn und seinen Körper gezielt auf die gewünschte Handlung oder den angestrebten Ruhezustand vor.
Während er auf dem Board balanciert und ich ihm leichte Bälle zuwerfe, erkläre ich ihm diese neurobiologischen Zusammenhänge. Da sein Zentrales Exekutivnetzwerk (CEN) mit der motorischen Bewältigung beschäftigt ist (Dual-Tasking), kann er die Informationen emotional voll annehmen, ohne in kognitive Abwehrschleifen zu flüchten. Auf der Behandlungsliege nutzen wir anschliessend isometrische Kontraktionen gegen Widerstand, um seine Körperlandkarte propriozeptiv zu schärfen und das Reiztor im Thalamus künstlich zu schliessen. Sein wissenshungriges Gehirn wird mit Sicherheit gefüttert, sodass Lukas bereit für die körperliche Entlastung ist.
Phase A – Absichtshandlung oder Absichtsmodus
Ich detonisiere manuell die Strukturen an Kiefer, HWS und Schädel, um den fehlerhaften Datenstrom zum Hörzentrum zu unterbrechen – Entlastung im System. Parallel verankern wir kleine, exekutiv mühelose Brücken für seinen Alltag: Ein dynamisches Sitzkissen am PC hält die Haltungsschleife unbewusst aktiv, und das erlernte 3-Kanal-Grounding im Bett lässt ihn abends entspannt in einen erholsamen, regenerativen Schlaf gleiten. Seine unterschiedlichen Absichten kommen im Körper an, weil die unbewusste Steuerung wieder mitspielt.
Körper und Nervensystem sind eine untrennbare Einheit
Neurodivergente Schmerzsyndrome sind kein persönliches Versagen und kein rein orthopädisches Problem. Sie sind die somatische Antwort eines hochsensiblen, oft reizüberfluteten Nervensystems auf ein unnatürliches, reizintensives Umfeld.
Wenn wir aufhören, nur die schmerzende Struktur zu behandeln, sondern anfangen, das darunterliegende Betriebssystem zu verstehen, wird der Körper wieder bewohnbar.
Zuweisende Fachpersonen
Haben sie in ihrer Arztpraxis und/oder psychiatrischen, psychotherapeutischen oder therapeutischen Praxis Klientinnen und Klienten, bei denen die klassische Schmerztherapie stagniert? Lassen sie uns die somatische Lücke gemeinsam schliessen und ihren Patienten den körperlichen Rückzugsraum schenken, den sie für ihre mentale und körperliche Gesundheit so dringend brauchen.




